{"id":153,"date":"2015-03-09T13:40:34","date_gmt":"2015-03-09T11:40:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kwier.at\/?p=153"},"modified":"2015-05-10T18:32:53","modified_gmt":"2015-05-10T16:32:53","slug":"die-narzisstische-kamera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.kwier.at\/?p=153","title":{"rendered":"Die narzisstische Kamera"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gutteil der Spannung im Film <em>Film<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em> entsteht aus dem Verh\u00e4ltnis von Kamera und Protagonisten. Der Protagonist ist ein Beobachteter, in einem inner-diegetischen, einem vorfilmischen aber auch einem Kino-dispositiven Sinne.<\/p>\n<p>Vorfilmisch ist dies Buster Keaton dessen Lebensinhalt aus dem Beobachtet-werden besteht. Es ist sein Beruf \u2013 als Filmschauspieler \u2013 sich vor Menschen und Maschinen zu pr\u00e4sentieren, mit dem einzigen Ziel diese Pr\u00e4sentation dann \u00fcber maschinelle Reproduktion m\u00f6glichst vielen Menschen zug\u00e4nglich zu machen. Die Beobachtung selbst also zu reproduzieren.<\/p>\n<p>Innerhalb des Kino Dispositives beobachtet das Publikum dann ein Bild, das sich von dieser Beobachtung unabh\u00e4ngig, immer gleich verh\u00e4lt. Es l\u00e4uft \u2013 von technischen Pannen abgesehen \u2013 in der immer selben Abfolge, innerhalb der gleichen Zeitspanne und unter vergleichbaren Bedingungen ab. Der Protagonist kann sich nicht gegen diese Beobachtung wehren, ja er und seine Beobachtung existieren hier getrennt voneinander.<\/p>\n<p>Inner-diegetisch aber f\u00fchlt sich der Protagonist umso st\u00e4rker beobachtet und er will eben diese Beobachtung ganz dezidiert nicht. Er wehrt sich aktiv gegen sie. So verdeckt, vernichtet oder entflieht er Allem, das ihn Beobachtet, ja Allem, das ihn nur an seine potentielle Beobachtung erinnert. Und doch kann er <em>einer<\/em> Beobachtung nicht entfliehen: jener der Kamera, die ihn einf\u00e4ngt und \u2013 \u00fcber die Zeit \u2013 millionenfach reproduziert, auf die Leinw\u00e4nde dieser Welt geworfen hat, wirft und werfen wird.<\/p>\n<p>Das Spannungsverh\u00e4ltnis des Filmes entsteht nun in der Verselbstst\u00e4ndigung dieser beobachtenden Kamera. Schon recht fr\u00fch deutet sich an, dass sie keine unbeteiligte Beobachtende ist. Sie entwickelt rasch ein Eigenleben, antizipiert Bewegungen des Protagonisten, verpasst andere, sucht diesen als h\u00e4tte sie ihn verloren. Mal sieht sie links wenn er rechts sieht, dann wieder folgt sie im unmittelbar. Den Gro\u00dfteil des Filmes befindet sie sich im R\u00fccken des Protagonisten, scheint sogar bedacht darauf nicht in sein Blickfeld zu geraten.<\/p>\n<p>Zugleich gibt es aber auch immer wieder Momente in denen der dargestellte Blickwinkel wechselt. Diese Momente zeichnen sich durch eine oft unscharfe Kameraf\u00fchrung, einen Blick auf Details, die der Protagonist gerade zu betrachten scheint, und Kamerabewegungen, die den Bewegungen des Auges des Protagonisten zu folgen scheinen, aus. Dem Publikum wird hier stark suggeriert dieser Blickwinkel sei der Blickwinkel des Protagonisten, sei eine subjektive Kamera, die gegen\u00fcber der subjektivierten, ihn verfolgenden Kamera einen zweiten, an den Protagonisten gebundenen Blickwinkel auf die filmische Diegese werfe.<\/p>\n<p>Die Aufl\u00f6sung dieser filmischen Situation ist dann auch nur durch diese doppelte Kamera m\u00f6glich. Als die Kamera n\u00e4mlich aus dem Schatten des Protagonisten tritt, vor ihm und nicht mehr hinter ihm steht wird sie sichtbar, f\u00fcr den Protagonisten und damit f\u00fcr uns \u00fcber den Blick des Protagonisten.<\/p>\n<p>Dass diese dabei das Antlitz des Protagonisten annimmt, l\u00e4sst sich gewiss vielfach interpretieren. Eine naheliegende Interpretation w\u00e4re jedoch sicher, dass sich hierin eine doppelte Identifikation des Publikums widerspiegelt. Einerseits eine Einf\u00fchlung des Publikums in die Situation des Protagonisten, der ja nur durch diese Einf\u00fchlung vom Objekt der Kamera zum Subjekt der Handlung werden kann. Und andererseits die \u2013 zumeist unreflektierte \u2013 \u00dcbernahme des filmischen Blicks, als dem eigenen Blick; die Anhaftung an den phantasmatischen K\u00f6rper \u2013 wie Mary Ann Doane dies beschreibt \u2013 der k\u00f6rperlosen Kamera.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dass diese doppelte Identifikation dann eben in einer Gleichsetzung dieses phantasmatischen K\u00f6rpers mit dem beobachteten K\u00f6rper m\u00fcndet ist also nur folgerichtig und f\u00fchrt zu einem weiteren ironischen Schluss von <em>Film<\/em>: Der Dargestellte existiert immer nur in Reflexion auf sich selbst. Nur solange er dargestellt wird, solange er eben doch beobachtet wird existiert er innerhalb des filmischen Raumes. Dieser Beobachtung zu entkommen, hie\u00dfe der eigenen Existenz zu entkommen, eben sich selbst zu entkommen.<\/p>\n<p>Vielleicht l\u00e4sst sich auch so die Rahmung des Filmes verstehen, die Detailaufnahme des Auges. Das Eintauchen und Untertauchen in dieses Leinwand-f\u00fcllende Bild des Auges, hat etwas mythologisch Narzisstisches.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Gleich wie Narziss in seinem Spiegelbild ertrinkt, ertrinkt der Protagonist, ertrinkt die Kamera, ertrinkt das Publikum in diesem Symbol der sie vereinenden, sie aber auch gleichzeitig trennenden T\u00e4tigkeit: des Sehens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Film<\/em>. Kurzfilm, USA 1965, Regie: Alan Schneider, Drehbuch: Samuel Beckett, Mit: Buster Keaton. [Etwa hier zu sehen: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aZtV-iHeQd0\" target=\"_blank\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aZtV-iHeQd0<\/a>; Zugriff: 09.03.2015]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Doane, Mary Ann: \u201eThe Voice in the Cinema. The Articulation of Body and Space.\u201c In: Rosen, Philip (Hg.): <em>Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader.<\/em> New York: Columbia University Press 1986, S. 335 \u2013 348.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Ov. met. 3, 3339-3510.<br \/>\n<em>Titelbild ist ein Filmstill aus dem Film <\/em>Film,<em> USA 1965. Via: <a href=\"www.criticalcommons.org\" target=\"_blank\">www.criticalcommons.org<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Das Eintauchen und Untertauchen in dieses Leinwand-f\u00fcllende Bild des Auges in Beckets Film <em>Film<\/em>, hat etwas mythologisch Narzisstisches. Gleich wie Narziss in seinem Spiegelbild ertrinkt, ertrinkt der Protagonist, ertrinkt die Kamera, ertrinkt das Publikum in diesem Symbol der sie vereinenden, sie aber auch gleichzeitig trennenden T\u00e4tigkeit: des Sehens.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kwier.at\/?p=153\">Weiterlesen &#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":154,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,2],"tags":[8,25,24],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153"}],"collection":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=153"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":214,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153\/revisions\/214"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/154"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}