{"id":198,"date":"2015-05-10T17:49:12","date_gmt":"2015-05-10T15:49:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kwier.at\/?p=198"},"modified":"2015-05-10T18:03:23","modified_gmt":"2015-05-10T16:03:23","slug":"perfekter-als-ein-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.kwier.at\/?p=198","title":{"rendered":"Perfekter als ein Film?"},"content":{"rendered":"<h4>Rezension von <em>The Big Lumpazi,<\/em> Inszenierung des bernhard ensembles im Off Theater<\/h4>\n<p>Was ist der Mehrwert davon, einen Film auf die B\u00fchne zu bringen? Welchen Sinn hat es ein possierliches Pastiche einer bekannten Hollywoodproduktion f\u00fcr ein Wiener Publikum neu zu inszenieren? Ein Film, so scheint es, ist doch schon immer auf eine Art und Weise perfekt, wie es ein Theaterst\u00fcck nie sein k\u00f6nnte. Jeder Shot, jede Einstellung, jede Szene, jede Regung jede*r Schauspieler*in kann so lange geprobt, wiederholt, neu-arrangiert und schlie\u00dflich zusammenmontiert sowie nachbearbeitet werden, bis exakt das von dem*der Regisseur*in gew\u00fcnscht Resultat erreicht wird. Und dieses Resultat ist dann in Endlosschleife, unver\u00e4ndert, unver\u00e4nder<em>bar<\/em> auf ewig sich wiederholend anzusehen. Eine Theaterauff\u00fchrung kann diesen grad der Perfektion nie erreichen; doch <em>muss<\/em> sie?<\/p>\n<p>Was, wenn diese absolute Kontrolle des*der Regisseur*in, dieses Diktat einer singul\u00e4ren Vision und diese unfehlbare Wiederholbarkeit gar nicht Ziel, gar nicht Zweck einer Theaterauff\u00fchrung sein sollen? Was, wenn es hingegen gerade diese Perfektion ist gegen die sich Theater im Innersten zu wenden h\u00e4tte?<\/p>\n<p><em>The Big Lumpazi<\/em> des<a href=\"http:\/\/www.bernhard-ensemble.at\/\"> bernhard ensembles<\/a> im Wiener Off Theater<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> ist nach keiner g\u00e4ngigen Definition eine perfekte Inszenierung; kann sie auch gar nicht sein. Das St\u00fcck ist \u00fcber einen Gro\u00dfteil der Zeit v\u00f6llig improvisiert. Die Schauspieler*innen wissen die grobe Struktur, sie kennen ihre Charaktere, haben sich mit ihren Kolleg*innen eingespielt und sind sich nat\u00fcrlich der dramatischen und filmischen Vorlagen \u2013 <em>The Big Lebowski<\/em> von den Coen Brothers<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, sowie <em>Der b\u00f6se Geist Lumpacivagabundus<\/em> von Johann Nestroy<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> \u2013 bewusst. Innerhalb dieses sehr losen Ger\u00fcsts turnen die Darsteller*innen herum. Sie werfen sich Dinge an den Kopf \u2013 metaphorisch wie gegenst\u00e4ndlich \u2013, beziehen sich auf Tagesaktuelles \u2013 dem steten Einfallsreichtum der Wiener Lokalpolitik(er*innen) sei Dank \u2013 und interagieren gar spontan mit dem Publikum \u2013 etwa deren (unbeabsichtigt!) umfallenden (leeren!) Bierdosen.<\/p>\n<p>Auch die Spielweise der Akteur*innen scheint keine gro\u00dfe geschlossene B\u00fchnenillusion zu unterst\u00fctzen, ist sie doch alles andere als illusionistisch. Vielmehr scheinen die Charaktere hier reine Abziehbilder zu sein die von den Darsteller*innen \u00fcbergest\u00fclpt in st\u00e4ndig sich wiederholenden Variationen gegeneinander geworfen werden \u2013 gleichsam wie in einem gro\u00dfen Laboratorium.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Einf\u00fchlung vermitteln diese Darstellungen nicht. Im Gegensatz zum Film besteht hier immer eine gewisse Distanz; das Publikum mag \u00fcber Witze lachen oder auch manches Mal gespannt auf die n\u00e4chste Verwicklung warten, aber es scheint schwer vorzustellen, dass jemand beim klimatischen Todesfall gegen Ende der Inszenierung eine Klos im Halse versp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Diese Inszenierung lebt nicht von der Einf\u00fchlung sie lebt nicht von der Illusion, sie lebt nicht von der Perfektion. Sie lebt von der Ausstellung ihrer Charaktere, sie lebt von der st\u00e4ndigen Unterbrechung, sie lebt von einer \u00c4sthetik des Bruches, der Transitorik und der Unmittelbarkeit. Genau dieses \u00e4sthetische Dreiergespann ist es aber, welches eine Theaterauff\u00fchrung gegen\u00fcber einem Film abgrenzt. W\u00e4hrend ein Film nie unvermittelt sein kann, w\u00e4hrend er quasi unver\u00e4ndert Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt \u00fcberdauert und w\u00e4hrend er seine Br\u00fcchigkeit mit allen Mitteln st\u00e4ndig zu vertuschen sucht<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, macht <em>The Big Lumpazi<\/em> all dies performativ sichtbar.<\/p>\n<p>Genau hier scheint nicht nur der Mehrwert einer B\u00fchnenadaption von <em>The Big Lebowski<\/em>, sondern insbesondere auch eine Montage derselben mit Versatzst\u00fccken aus dem <em>Lumpacivagabundus<\/em> zu liegen. Denn dessen eingeschobenen Couplets, die verworrene und aufgesetzte Rahmenhandlung sowie der st\u00e4ndige Rollentausch und Ebenenwechsel zerst\u00f6ren auch den letzten Rest einer m\u00f6glichen B\u00fchnenillusion. Vielmehr unterbrechen sie st\u00e4ndig scheinbar auftretende Zusammenh\u00e4nge, in einem steten Versuch hinter diese zu blicken; oder, wie Walter Benjamin in \u201eDer Autor als Produzent\u201c es ausdr\u00fcckt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Unterbrechung der Handlung [\u2026] wirkt st\u00e4ndig einer Illusion im Publikum entgegen. Solche Illusion n\u00e4mlich ist [\u2026] unbrauchbar, [\u2026] die Elemente des Wirklichen im Sinne einer Versuchsanordnung zu behandeln. Am Ende, nicht am Anfang, dieses Versuches stehen aber die Zust\u00e4nde. [\u2026] Die Entdeckung der Zust\u00e4nde vollzieht sich mittels der Unterbrechung der Handlung.\u201c <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Genauer im Off White Theater, einer B\u00fchne die schon allein aufgrund des atemberaubenden Aufstieges in den \u2013 gleichfalls \u2013 atemberaubenden B\u00fchnenraum einen Besuch wert w\u00e4re.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>The Big Lebowski<\/em>. USA\/UK 1998. Regie: Joel Cohen \/ Ethan Cohen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Johann Nestroy: <em>Der b\u00f6se Geist Lumpacivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt. <\/em>Wien 1833.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Nur eine von vielen m\u00f6glichen Brecht Referenzen, nicht zuletzt vielleicht weil das bernhard ensemble erst 2010 selbst eine Brecht-Collage aufgef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Denn auch der Film ist ein immanent br\u00fcchiges Medium, nicht zuletzt, da er schon strukturell aus einzelnen, voneinander formal getrennten Bildern besteht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Walter Benjamin: \u201eDer Autor als Produzent\u201c. In: <em>Gesammelte Schriften 2<\/em>. Suhrkamp 1977, S. 698.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das Titelbild ist der offizielle Veranstaltungsflyer von <\/em>The Big Lumpazi.<em> \u00a9 Off Theater 2015. Via: <a href=\"http:\/\/white-box.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/white-box.at\/<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Was ist der Mehrwert davon, einen Film auf die B\u00fchne zu bringen? Welchen Sinn hat es ein possierliches Pastiche einer bekannten Hollywoodproduktion f\u00fcr ein Wiener Publikum neu zu inszenieren? Ein Film, so scheint es, ist doch schon immer auf eine Art und Weise perfekt, wie es ein Theaterst\u00fcck nie sein k\u00f6nnte. Jeder Shot, jede Einstellung, jede Szene kann so lange geprobt, wiederholt, neu-arrangiert und schlie\u00dflich zusammenmontiert sowie nachbearbeitet werden, bis exakt das gew\u00fcnschte Resultat erreicht wird. Und dieses Resultat ist dann endlos und unver\u00e4nderbar so anzusehen. Eine Theaterauff\u00fchrung kann diesen grad der Perfektion nie erreichen; doch muss sie?<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kwier.at\/?p=198\">Weiterlesen &#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":203,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,2],"tags":[10,28,8,16,29,27,7],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/198"}],"collection":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=198"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":207,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions\/207"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/203"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}