{"id":208,"date":"2015-04-19T18:27:53","date_gmt":"2015-04-19T16:27:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kwier.at\/?p=208"},"modified":"2015-09-02T01:19:44","modified_gmt":"2015-09-01T23:19:44","slug":"das-maedchenorchester-und-die-traeumerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.kwier.at\/?p=208","title":{"rendered":"Das M\u00e4dchenorchester und die Tr\u00e4umerei"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/W-M9W_NtyeA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Bei einer Recherche<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> zum Repertoire des sogenannten M\u00e4dchenorchesters in Ausschwitz fiel die mehrfache Nennung eines Musikst\u00fcckes auf: Robert Schumanns <em>Tr\u00e4umerei.<\/em> Die Tr\u00e4umerei ist Teil der <em>Kinderszenen,<\/em> einem Zyklus von kurzen, urspr\u00fcnglich f\u00fcr das Klavier geschriebenen Miniaturen. Gerade die <em>Tr\u00e4umerei<\/em>, das siebte St\u00fcck dieses Zyklus, wird jedoch h\u00e4ufig f\u00fcr andere Besetzungen arrangiert.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Von den Mitgliedern des M\u00e4dchenorchesters wird die <em>Tr\u00e4umerei<\/em> allerdings meist nicht in Isolation, sondern in Zusammenhang mit bekannten, hochrangigen SS Offizieren genannt. Anita Lasker-Wallfisch hebt hier einer Auff\u00fchrung f\u00fcr Josef Mengele hervor:<\/p>\n<p>\u201eAu\u00dferdem mussten wir bereit sein etwas zu spielen, wenn SS-Leute in unseren Block kamen. Sie kamen meistens um sich von den \u201aStrapazen\u2018 der Selektion zu erholen, bei denen sie entschieden, wer leben und wer sterben sollte. Bei einer solchen Gelegenheit spielte ich die <em>Tr\u00e4umerei<\/em> von Schumann f\u00fcr Dr. Mengele, den ber\u00fcchtigten Lagerarzt.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Fania Fen\u00e9lon weist im Kontext einer anderen SS Pers\u00f6nlichkeit auf die Tr\u00e4umerei hin:<\/p>\n<p>\u201eAber das war sehr leicht, wenn die SS weinte. Zum Beispiel hat der Lagerkommandant Kramer geweint, wenn wir <em>Tr\u00e4umerei<\/em> von Schumann spielten. Kramer hat 24 000 Menschen vergast. Wenn er von seiner Arbeit m\u00fcde war, kam er zu uns und h\u00f6rte sich Musik an. Das ist das Unverst\u00e4ndliche bei den Nazis gewesen, die konnten erschie\u00dfen, morden und vergasen und nachher so sensibel sein. Wir waren keine Menschen f\u00fcr sie, wir waren L\u00e4use. Wir waren eine Rasse, die man vernichten wollte.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Lasker-Wallfisch scheint es gerade der Kontrast zwischen diesen Menschen und dieser Musik zu sein, der sie irritiert: \u201eMerkw\u00fcrdig, dass Mengele \u00fcberhaupt wusste, dass es so etwas gibt \u2013 ein Massenm\u00f6rder\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Hierin sieht sie eine spezifische Ambivalenz:<\/p>\n<p>\u201eEs wird immer wieder gefragt, was das auf mich f\u00fcr einen Eindruck gemacht hat. Es hat \u00fcberhaupt keinen Eindruck auf mich gemacht. Ich schreibe nur \u00fcber Mengele, weil es so eigenartig ist, wie diese Menschen, raffinierte M\u00f6rder, sich mit Musik, Schumann, Kinderszenen auseinandersetzen. Mengele hat die irrsinnigsten Experimente mit Zwillingen gemacht \u2013 und dann brauchte er ein bisschen Ablenkung, kommt sich die \u201aTr\u00e4umerei\u2018 anh\u00f6ren. Das Interessante daran bin nicht ich, er ist das Interessante. Diese Dichotomie: von quasi intelligenten Menschen, die solche Sachen gemacht haben.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Diese Spannung machte sich auch ein Beitrag des britischen Nachrichtenformates <em>Newsnight<\/em> zu Nutzen. Anita Lasker-Wallfisch wird hier interviewt w\u00e4hrend ihr Sohn Raphael Wallfisch \u2013 neben ihr sitzend \u2013 die <em>Tr\u00e4umerei<\/em> spielt.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Durch diese Konstellation wirkt der Beitrag h\u00f6chst evokativ; sowohl Musik als auch Interview werden hier ganz gezielt zur Erzeugung bestimmter Emotionen und einer bestimmten Stimmung instrumentalisiert. Doch wie Lasker-Wallfisch selbst sagt: \u201eDie Deutschen haben viel kaputt gemacht, aber Musik ist nicht kaputtzumachen.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Es wird also wohl auch die BBC nicht schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vielen Dank an Janina Piech f\u00fcr die gemeinsame Recherche, auf die dieser Beitrag aufbaut!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/schumann-jahr-2010\/schumann-forum\/die-traeumerei.html\">www.henle.de\/de\/schumann-jahr-2010\/schumann-forum\/die-traeumerei.html<\/a>; Zugriff: 13.02.2015.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Lasker-Wallfisch: <em>Ihr sollt die Wahrheit erben<\/em>, S. 132.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Kammert\u00f6ns: \u201eEnsemble der H\u00f6lle\u201c, Seite 4.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Gessler: \u201eMusizieren, um zu leben\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Jelcic: \u201eAngst war das Normale\u201c, Frage 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> <em>Newsnight. Holocaust Memorial Day. The Cellist of Auschwitz;<\/em> <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u79aHGIASfQ\">w<em>ww.youtube.com\/watch?v=u79aHGIASfQ<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Jelcic: \u201eAngst war das Normale\u201c, Frage 9.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Quellen<\/h4>\n<ul>\n<li>Gessler, Philipp: \u201eMusizieren, um zu leben\u201c. In: <em>taz,<\/em> <em>05.2011<\/em> Via: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!71334\/\">www.taz.de\/!71334\/<\/a>; Zugriff: 13.02.2015.<\/li>\n<li>Jelcic, Ivona: \u201eAngst war das Normale\u201c. In: <em>Tiroler Tageszeitung,<\/em> <em>01.2014<\/em>. Via: <a href=\"http:\/\/www.tt.com\/kultur\/literatur\/7802519-91\/angst-war-das-normale.csp\">http:\/\/www.tt.com\/kultur\/literatur\/7802519-91\/angst-war-das-normale.csp<\/a>; Zugriff: 13.02.2015.<\/li>\n<li>Kammert\u00f6ns, Karl-Heinz: \u201eEnsemble der H\u00f6lle. Ein Gespr\u00e4ch mit der S\u00e4ngerin Fania Fenelon.\u201c In: <em>DIE ZEIT<\/em>,<em>10.1980 Nr. 41<\/em>. Via: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1980\/41\/ensemble-der-hoelle\">www.zeit.de\/1980\/41\/ensemble-der-hoelle<\/a>; Zugriff: 13.02.2015<\/li>\n<li>Lasker-Wallfisch, Anita: <em>Ihr sollt die Wahrheit erben<\/em>. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt<sup>12<\/sup> (Orig.: <em>Inherit the Truth<\/em>. London: Giles de Mare 1996.)<\/li>\n<li><em> Holocaust Memorial Day. The Cellist of Auschwitz<\/em>. TV-Beitrag. BBC Newsnight 27.01.2014. Via: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u79aHGIASfQ\">www.youtube.com\/watch?v=u79aHGIASfQ<\/a>; Zugriff: 13.02.2015.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Bei einer Recherche des Repertoires des sogenannten M\u00e4dchenorchesters in Ausschwitz f\u00e4llt die mehrfache Nennung eines Musikst\u00fcckes auf: Robert Schumanns <em>Tr\u00e4umerei<\/em>. 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