{"id":220,"date":"2015-06-04T01:17:24","date_gmt":"2015-06-03T23:17:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kwier.at\/?p=220"},"modified":"2015-06-04T01:27:26","modified_gmt":"2015-06-03T23:27:26","slug":"von-koerpern-raeumen-und-max-reinhardt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.kwier.at\/?p=220","title":{"rendered":"Von K\u00f6rpern, R\u00e4umen und Max Reinhardt"},"content":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Raum spielt h\u00e4ufig eine zentrale Rolle im Theater. So kann es auch als gemeinsames \u00dcberthema zweier Inszenierungen von Max Reinhardt zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelten. Diese beiden Inszenierungen von Max Reinhardt \u2013 <em>K\u00f6nig \u00d6dipus<\/em> 1910 in M\u00fcnchen und Berlin sowie <em>Der Kaufmann von Venedig<\/em> 1934 in Venedig \u2013 stellen jeweils menschliche K\u00f6rper in ein besonderes Wechselverh\u00e4ltnis zum sie umgebenden Raum. Reinhardt bedient sich dann dieses Wechselverh\u00e4ltnisses und macht die daraus resultierende Spannung f\u00fcr \u00e4sthetische Wirkungen produktiv.<\/p>\n<p>Bei Reinhardts <em>K\u00f6nig \u00d6dipus<\/em> w\u00e4re der zentrale Begriff f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Raum wohl der Massenk\u00f6rper<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Die beiden Auff\u00fchrungsorte Zirkus Schumann sowie die Ausstellungshalle in M\u00fcnchen sind amphitheatrisch angeordnete Massenschaupl\u00e4tze. Dies hat zwei spannende Konsequenzen: Einerseits haben die Zuschauer*innen durch die Anordnung st\u00e4ndig nicht nur die B\u00fchne, sondern immer auch einen Teil des restlichen Publikums im Blick. Hier\u00fcber k\u00f6nnen sie sich selbst als Teil dieser Masse an Zuschauer*innen begreifen. Andererseits ist in beide Orte eben schon immer eine Geschichte der Masse eingeschrieben. Zirkus wie Ausstellungshalle sind Orte deren Publikum nicht die Bildungselite, der Hochadel oder \u00e4hnliche kleine Zirkel sind, sondern die dezidiert Orte der (breiten) Masse sind.<\/p>\n<p>Die Auswahl des <em>\u00d6dipus Rex<\/em> als Inszenierungstext baut dann auch genau auf diesen Momenten auf. In seinen chorischen Formationen kann die Trag\u00f6die selbst als eine Darstellung des Massenk\u00f6rpers begriffen werden und in seiner Historizit\u00e4t in der Auff\u00fchrungspraxis der griechischen Polis verweist es auch auf eine spezifische Form der Gemeinschaftsbildung. Die Inszenierung \u00fcberspannt somit ein Themenfeld, welches nicht nur das Verh\u00e4ltnis des Einzelnen zur Masse des Publikums, sondern auch zur Masse der dramatisch Agierenden und zur Masse der (historischen) Gemeinschaft ber\u00fchrt. Hierin konstruiert die Inszenierung einen ereignishaften Massenk\u00f6rper im Zusammenspiel von Publikum, Agierenden und Raum vermittels der Auff\u00fchrung.<\/p>\n<p>Es stellt sich jedoch die Frage inwiefern diese <em>Masse<\/em> bei Reinhardt keinen funktionellen, sondern einen rein ornamentalen Charakter hat. Siegfried Kracauer spricht in seinem gleichnamigen Essay vom <em>Ornament der Masse<\/em>.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Er macht dieses Massenornament prim\u00e4r an den Revuefilmen der fr\u00fchen Hollywood \u00c4ra fest, jedoch l\u00e4sst sich dasselbe Prinzip auch schon in Reinhardts Masseninszenierungen erkennen. Indem dieser n\u00e4mlich das Publikum plakativ zu einem Teil der Inszenierung werden l\u00e4sst, wird Masse hier zwar erlebbar, jedoch nicht erfahrbar.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Er reduziert den Massenk\u00f6rper so auf ein \u00e4sthetisches Moment, welches dem ornamentalen Charakter der Kracauer\u2019schen \u201eTillergirls\u201c entspricht. Wird hier Masse sinnlich erlebt, so wird die moderne Massenerfahrung nicht immanent bew\u00e4ltigbar gemacht, sondern nur in eine ornamentale Form gegossen, die dann mit beliebigen Inhalten gef\u00fcllt werden kann.<\/p>\n<p>In gleicher Weise wie der massierte K\u00f6rper des Publikums im <em>\u00d6dipus Rex<\/em> ornamentale Gestalt annimmt, kann in der Inszenierung von <em>Der Kaufmann von Venedig <\/em>der Ort als Ornament verstanden werden. So wie Reinhardt das Publikum choreographisch in die Inszenierung im Zirkus Schuhmann und in der Ausstellungshalle einbindet, choreographiert er hier den Raum und verwendet ihn als \u00e4sthetisierte und affizierende Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Die K\u00f6rper der Akteur*innen schaffen hier in Verbindung mit dem <em>Campo San Trovaso <\/em>st\u00e4ndig wandelnde Spielfl\u00e4chen, welche nur von den Darsteller*innen selbst vom Rest des Raumes abgegrenzt werden. Venedig wird hier scheinbar selbst zum Theater. Jedoch eben nicht Venedig selbst, sondern eine idealisierte, \u00e4sthetisierte Form von Venedig. Eine Inszenierung des <em>Kaufmanns<\/em>, die sich 1934 mit dem realen, historisierten Ort Venedig auseinandersetzt m\u00fcsste doch zwangsl\u00e4ufig die historische Situation eines faschistischen Italiens in Kollaboration mit einem nazistischen Deutschland thematisieren. Es m\u00fcsste auch die Figur des Shylock in Bezug zu historischem, dramatischem und aktuell politischem Antisemitismus setzen. Eine solche Inszenierung kann Venedig nicht nur als <em>authentisierenden<\/em> Backdrop verwenden, sondern muss das Spannungsverh\u00e4ltnis das nicht nur in den historischen, sondern auch in den aktuellen Raum eingeschrieben ist produktiv werden lassen.<\/p>\n<p>Die beiden Inszenierungen von Max Reinhardt besch\u00e4ftigen sich zwar vordergr\u00fcndig beide mit dem Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Raum, jedoch erstarrt diese Besch\u00e4ftigung hier zur \u00e4sthetischen Oberfl\u00e4che. Indem auf der einen Seite der Massenk\u00f6rper und andererseits der Ort \u00e4sthetisiert werden, kann das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen den beiden nicht produktiv werden. Reinhardt mag zwar versuchen \u201ader Masse einen Ort\u2018 oder \u201ader Fiktion eine Realit\u00e4t\u2018 zu geben, der Konflikt, der sich hierbei auftut, bleibt jedoch unbespielt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ein durchaus zu Recht problematisierter Begriff, der spezifische Unterschiede zwischen einzelnen K\u00f6rpern nivelliert und somit K\u00f6rper, die zu weit aus der angestrebten Norm fallen von Vornherein ausschlie\u00dfen muss.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kracauer, Siegfried: \u201eDas Ornament der Masse\u201c In: Kracauer, Siegfried: <em>Das Ornament der Masse. Essays.<\/em> Frankfurt\/Main: Suhrkamp 1977, S. 50-63.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Diese Differenz zwischen Erlebnis und Erfahrung macht vor allem Walter Benjamin in seinem Baudelaire Aufsatz stark. Vgl. Benjamin, Walter: \u201e\u00dcber einige Motive bei Baudelaire<em>.<\/em>\u201c In: Benjamin, Walter: <em>Gesammelte Schriften 1.<\/em> Frankfurt\/Main: Suhrkamp 1991, S. 615-653.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das Titelbild ist ein Plan des Zirkus Schumann aus dem Jahr 1912. Aus: Hertzog, Rudolph (Hg.): <\/em>Agenda 1912. Jahreskalender des Berliner Kaufhauses. <em>Berlin: Verlag R. Hertzog 1912, S.110.<\/em><em> Via: <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Zirkus_Schumann_in_Berlin_NW,_Karlstra%C3%9Fe,_Bestuhlung_1912.jpg\" target=\"_blank\">http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Zirkus_Schumann_in_Berlin_NW,_Karlstra\u00dfe,_Bestuhlung_1912.jpg<\/a><\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Das Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Raum spielt h\u00e4ufig eine zentrale Rolle im Theater. So kann es auch als gemeinsames \u00dcberthema zweier Inszenierungen von Max Reinhardt zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelten. 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Es stellt sich jedoch die Frage inwiefern diese Spannung hier nur ornamentalen Gehalt bekommt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kwier.at\/?p=220\">Weiterlesen &#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":223,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,2],"tags":[36,35,4,32,34,31,33,27,7],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220"}],"collection":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=220"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":228,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220\/revisions\/228"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/forschung.kwier.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}