{"id":254,"date":"2015-08-03T23:11:30","date_gmt":"2015-08-03T21:11:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kwier.at\/?p=254"},"modified":"2015-07-31T23:35:46","modified_gmt":"2015-07-31T21:35:46","slug":"die-umschmelzung-des-funktionalen-raumes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.kwier.at\/?p=254","title":{"rendered":"Die Umschmelzung des funktionalen Raumes"},"content":{"rendered":"<p>Inszenierungen bedienen sich verschiedener R\u00e4ume und funktionalisieren sie f\u00fcr die spezifischen Auff\u00fchrungen. Die Funktionalisierung des Raumes in der Inszenierung kann jedoch auf sehr unterschiedliche Weise geschehen. Bei R\u00e4umen, die schon von sich aus eine spezifische (nicht-theatrale) Funktion innehaben, kann die Inszenierung sich auf genau diese Funktionalit\u00e4t beziehen. Die zwei vorgestellten Inszenierungen <em>D\u2019Annunzio \u00fcber Wien <\/em>von Robert Quita und <em>Mein Kampf<\/em> von Hubsi Kramer und Tina Leisch machen so beide funktionale Zuschreibungen ihrer Auff\u00fchrungsorte f\u00fcr die Inszenierung wirkkr\u00e4ftig. Jedoch unterscheiden sie sich markant darin, wie diese vor-theatrale Funktion dann theatral umfunktioniert wird.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite steht <em>D\u2019Annunzio \u00fcber Wien<\/em>. 2005 im Flugzeugsportzentrum Spitzerberg inszeniert, spielt das gesamte Geschehen in der Flugzeughalle des Gel\u00e4ndes. Die Halle bildet einen gro\u00dfen, dunklen, einf\u00f6rmigen Raum in dem Begrenzungen nur durch Licht und die sich durch den Raum bewegenden Darsteller*innen geschaffen werden. Die unbeleuchteten R\u00e4ume zwischen den Figuren wirken leer und die Figuren lassen sich auch immer nur in Bezug auf diese sie umgebende Leere wahrnehmen. Gleichzeitig befinden sich Zuschauer*innen wie auch Akteur*innen jedoch im selben Raum, im selben Kontext. Die Flugzeughalle umschlie\u00dft alle und stellt sie in einen gemeinsamen Kontext; n\u00e4mlich den des Fliegens. Hier wird also der Ort der Inszenierung zu einem Assoziationsraum rund um die Thematik des Fliegens. Die r\u00e4umlichen und narrativen Auslassungen zwischen den Figuren m\u00fcssen von den Zuschauer*innen selbst gef\u00fcllt werden. Der Raum zwischen ihnen ist metaphorisch wie real leer.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite steht die Inszenierung von <em>Mein Kampf<\/em> aus dem Jahr 2002. Kramer und Leisch inszenieren das St\u00fcck von George Tabori im Obdachlosenasyl in der Meldemannstra\u00dfe, in der gleichen Institution in der Adolf Hitler selbst einen Gro\u00dfteil seiner Zeit in Wien wohnte. Hierdurch versucht die Inszenierung eine Beziehung zwischen der nachgestellten Aktion und der historischen Situation zu schaffen. Der Auff\u00fchrungsort ist als ein gro\u00dfer Schlafsaal im historischen \u201aM\u00e4nnerheim\u2018 aufbereitet.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Zuschauer*innen sitzen zwischen und auf den Betten und die Akteur*innen bewegen und spielen vor, zwischen und neben ihnen. Sie bewegen sich dabei durch den Raum. Es soll hierbei durch eine Verbindung aus Auff\u00fchrungsort und Inszenierung eine fiktionale Historizit\u00e4t geschaffen werden, die eine spezifische (Vor-)Zeitlichkeit f\u00fcr die Inszenierung erzeugt. Der Ort des M\u00e4nnerheimes gilt hierbei quasi als Garant f\u00fcr eine Authentizit\u00e4t des Dargestellten, abseits davon wie realistisch dieses Dargestellte ist. So wird in dieser Inszenierung die Funktion des Ortes ganz dezidiert f\u00fcr einen bestimmten dokumentarischen Duktus instrumentalisiert.<\/p>\n<p>Wo bei <em>D\u2019Annunzio<\/em> die Funktion des Raumes zur Konotierung der Inszenierung ausgen\u00fctzt wird, instrumentalisiert <em>Mein Kampf<\/em> diese f\u00fcr einen ganz spezifischen Zweck. Die Umfunktionierung, die hierbei vorgenommen wird, zeichnet sich nicht zuletzt durch ihr Verh\u00e4ltnis zu einer Denkfigur von Walter Benjamin aus. Dieser etabliert in seinem Text \u201eDer Autor als Produzent\u201c den Begriff der Umschmelzung parallel zu Brechts Begriff der Umfunktionierung. Die Umschmelzung ist hierbei ein Konzept, das schon rein begrifflich flie\u00dfend ist. Verschiedene Dinge treten in die \u201ehei\u00dfgl\u00fchende Masse\u201c ein und werden, zu einem neuen Kontext verschmolzen, wieder gesellschaftlich wirkkr\u00e4ftig.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>So tritt etwa die Funktion der Flugzeughalle flie\u00dfend in die Inszenierung von <em>D\u2019Annunzio<\/em> ein (zusammen mit den historischen Figuren, Den Schauspieler*innen, den Zuschauer*innen, dem Text, der Regie, etc.) sie verfestigt sich jedoch nicht zu einem spezifischen Zweck (oder wird f\u00fcr diesen verfestigt) sondern bleibt fl\u00fcssig, bleibt offen f\u00fcr Assoziationen und Reflektionen der Wahrnehmenden.<\/p>\n<p>Andererseits ist <em>Mein Kampf<\/em> ganz spezifisch \u2013 wieder mit Benjamin gesprochen \u2013 auf eine bestimmte Tendenz fixiert. Die Inszenierung will vermittels des Ortes an dem sie stattfindet eine bestimmte Aussage treffen. Ihr Zweck ist diese Aussage, nicht der Prozess \u00fcber den diese Aussage getroffen wird. Und so verh\u00e4rtet sich hier eben das Potential des Raumes hin zu einer spezifischen Aufgabe.<\/p>\n<p>Der kritische Freiraum, der sich aus dem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen den verschiedenen funktionalen Ebenen des Raumes, theatral und nicht-theatral, historisch und aktuell, bieten w\u00fcrde kann hierbei nicht ausgesch\u00f6pft werden. Kritik \u00fcber Anleitung ist nicht Krtik, sie braucht eben die Pause, die Unterbrechung.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> W\u00e4hrend bei D\u2019Annunzio die Nutzung des Raumes eine kritische Haltung keineswegs garantiert, macht sie sie doch <em>m\u00f6glich<\/em>. Bei IMein Kampf erstickt diese M\u00f6glichkeit im Sumpf der reinen Tendenz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Selbst schon eine Fiktion, da das M\u00e4nnerheim Einzelzimmer hatte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Benjamin, Walter: \u201eDer Autor als Produzent\u201c. In: <em>Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, Bd. 2<\/em>, Hgg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenh\u00e4user. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S.683-701.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Wie neben Benjamin etwa auch Alexander Kluge in seinen Fernsehgespr\u00e4chen mit Joseph Vogl bemerkt hat. Vgl. Kluge, Alexander \/ Vogl, Joseph: \u201eKritik aus n\u00e4chster N\u00e4he\u201c. In: <em>Soll und Haben. Fernsehgespr\u00e4che.<\/em> Z\u00fcrich\/Berlin: diaphenes 2009, S. 7-21.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Inszenierungen bedienen sich verschiedener R\u00e4ume und funktionalisieren sie f\u00fcr die spezifischen Auff\u00fchrungen. Die Funktionalisierung des Raumes in der Inszenierung kann jedoch auf sehr unterschiedliche Weise geschehen. Bei R\u00e4umen, die schon von sich aus eine spezifische (nicht-theatrale) Funktion innehaben, kann die Inszenierung sich auf genau diese Funktionalit\u00e4t beziehen. 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