{"id":64,"date":"2015-03-09T14:04:03","date_gmt":"2015-03-09T12:04:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kwier.at\/?p=64"},"modified":"2015-05-10T17:33:03","modified_gmt":"2015-05-10T15:33:03","slug":"der-voyeur-als-voyee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.kwier.at\/?p=64","title":{"rendered":"Der Voyeur als Voy\u00e9e"},"content":{"rendered":"<h4>Rezension von <em>Shirin<\/em>. Regie: Abbas Kiarostami, Iran 2008.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im ersten seiner beiden Kinob\u00fccher <em>Das Bewegungs-Bild<\/em> schreibt Gilles Deleuze:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEin Affektbild ist eine Gro\u00dfaufnahme und eine Gro\u00dfaufnahme ist ein Gesicht.\u201c <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Geht man nach dieser Definition ist jedes einzelne Bild in Abbas Kiarostamis Film <em>Shirin<\/em> sicherlich ein Affektbild. Der Film besteht \u2013 \u00fcber 90 Minuten \u2013 rein aus Gro\u00dfaufnahmen von Gesichtern, genauer von 113 Gesichtern professioneller Schauspielerinnen, w\u00e4hrend sich diese (anscheinend) in einem Kino einen Film ansehen.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich sind die gezeigten Bilder h\u00f6chst affizierend. Die Darstellerinnen weinen, lachen; sie naschen eine Kleinigkeit, tuscheln oder scheinen sich zu langweilen. Der Film, den sie sehen, ist nur auf der Tonebene pr\u00e4sent und die Tonebene ist auch nur diesem Film vorbehalten. Den innerdiegetischen Kinobesuchern geh\u00f6rt das Bild; dem innerdiegetischen Film geh\u00f6rt der Ton.<\/p>\n<p>Der Film ist hierbei so \u00fcberzeugend in seiner Darstellung eines abgeschlossenen Kinosaales, dass die folgende Passage aus einem Interview mit Kiarostami \u00fcberraschen mag:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn <em>Shirin<\/em>, all the actresses are imagining the film they are supposedly watching. You should know that they were sitting in front of a blank sheet of paper; they were not shown any image. Even I didn\u2019t have any idea what film they were imagining.\u201c <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Entstehungsweise des Filmes l\u00e4sst sich somit als Doppelung <em>und<\/em> Umkehr des klassischen Kuleshov Effektes <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> verstehen. Einerseits erh\u00e4lt <em>Shirin<\/em> die affizierende Wirkmacht durch eine nachtr\u00e4gliche Montage von Ton und Bild. Andererseits werden die Darstellerinnen selbst wieder affiziert und zwar auf \u2013 f\u00fcr die Zuseher*innen \u2013 gerade nicht wahrnehmbare Weise. Das Publikum reagiert also auf den Affekt eines Affektes \u2013 beide Affekte kontrolliert und abgestimmt von einem unsichtbaren Kontrolleur.<\/p>\n<p>Kiarostami ist hierbei dieser unbewegte Beweger. Er instruiert <em>seine <\/em>Darstellerinnen; er entscheidet, welche Ausschnitte Teil des Filmes werden, welche nicht, und mit welchem Ton sie zu welchem Zeitpunkt kombiniert werden; er kreiert \u2013 mit Laura Mulvey \u2013 eine<\/p>\n<blockquote><p>\u201ehermetically sealed world which unwinds magically, indifferent to the presence of the audience, producing for them a sense of separation and playing on their voyeuristic phantasy.\u201c <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Doch Kiarostami selbst weist in einem anderen Interview auf einen Ausweg aus seiner eigenen, strikten Kontrolle hin:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWhat I am saying is that the moment an audience is affected by a movie, the creation is that special moment, not the film itself. There is no such thing as a movie before the projector is switched on and after the theatre\u2019s lights are turned off.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die bedingungslose Kontrolle des*der Regisseur*in endet aber mit der Projektion des Filmes. Ab dem Zeitpunkt, ab dem der Film in Interaktion mit den Zuseher*innen tritt, ab dem er ihren pr\u00fcfenden Blicken ausgesetzt wird, beginnt der Film nur noch Teil eines gr\u00f6\u00dferen Dispositives zu sein.<\/p>\n<p>Ein Dispositiv, auf das die affizierenden Bilder des Filmes selbst aber gerade verweisen. Wenn ein*e Kinozuseher*in sich 90 Minuten lang Bilder von Kinozuseherinnen ansieht, dann wird sie*er nicht umhin kommen, die Gesehenen mit sich selbst in Verbindung zu setzten. Mehr noch: was hindert ihn*sie daran sich selbst umzublicken, nicht mehr die Darsteller*innen bei der Betrachtung eines imagin\u00e4ren Filmes, sondern seine*ihre Mitseher*innen bei der Betrachtung des tats\u00e4chlichen Filmes zu beobachten?<\/p>\n<p>Hierin wird dann eben genau der voyeuristische Aspekt, der von Mulvey angesprochen wird, ausgehebelt: Die eingebildete Unsichtbarkeit der realen Zuseher*innen wird durch die offensichtliche Sichtbarkeit der diegetischen Zuseherinnen verunm\u00f6glicht. Das Kino reflektiert sich selbst, die Feedback Schleife wird \u00fcberladen und der Voyeur wird Voy\u00e9e.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Deleuze: \u201eDas bewegungs-Bild\u201c, S. 123.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Khoshbakht: \u201eAbbas Kiarostami, Up Close\u201c, Frage 14.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Bordwell \/ Thompson: <em>Film Art<\/em>, S. 227f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Mulvey: \u201eVisual Pleasure and Narrative Cinema\u201c, S. 9.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Khodai: \u201e<em>Shirin<\/em> as Described by Kiarostami\u201c, Frage 1.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Quellenverzeichnis<\/h4>\n<p><em>Shirin<\/em>. Iran 2008. Regie: Abbas Kiarostami. DVD Video, London: BFI 2009.<\/p>\n<p>Bordwell, David \/ Thompson, Kristin: <em>Film Art. An Introduction. Tenth Edition.<\/em> New York McGraw-Hill 2013.<\/p>\n<p>Deleuze, Gilles: <em>Das Bewegungs-Bild: Kino 1.<\/em> Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003.<\/p>\n<p>Khodaei, Khatereh: \u201e<em>Shirin<\/em> as Described by Kiarostami\u201c In: <em>Offscreen<\/em>.<em> Volume 13, Issue 1. <\/em> January 2009. Via: <a href=\"http:\/\/offscreen.com\/view\/shirin_kiarostami\" target=\"_blank\">http:\/\/offscreen.com\/view\/shirin_kiarostami<\/a>; Zugriff: 11.01.2015.<\/p>\n<p>Khoshbakht, Ehsan: \u201eAbbas Kiarostami, Up Close\u201c In: <em>Keyframe. <\/em> 08. Februar 2013. Via: <a href=\"http:\/\/www.fandor.com\/keyframe\/abbas-kiarostami-up-close\" target=\"_blank\">http:\/\/www.fandor.com\/keyframe\/abbas-kiarostami-up-close<\/a>; Zugriff: 11.01.2015.<\/p>\n<p>Mulvey, Laura: \u201eVisual Pleasure and Narrative Cinema\u201c. In: Screen. Volume 16 Issue 3. Herbst 1975, S. 6-18. Via: screen.oxfordjournals.org\/content\/16\/3\/6, Zugriff: 11.01.2015.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das Titelbild ist ein Screenshot aus <\/em>Shirin<em>. Iran 2008. \u00a9 BFI 2009.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Im ersten seiner beiden Kinob\u00fccher Das Bewegungs-Bild schreibt Gilles Deleuze: \u201eEin Affektbild ist eine Gro\u00dfaufnahme und eine Gro\u00dfaufnahme ist ein Gesicht.\u201c Geht man nach dieser Definition ist jedes einzelne Bild in Abbas Kiarostamis Film <em>Shirin<\/em> sicherlich ein Affektbild. Der Film besteht \u2013 \u00fcber 90 Minuten \u2013 rein aus Gro\u00dfaufnahmen von Gesichtern, genauer von 113 Gesichtern professioneller Schauspielerinnen, w\u00e4hrend sich diese (anscheinend) in einem Kino einen Film ansehen. 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