{"id":84,"date":"2015-03-09T15:27:00","date_gmt":"2015-03-09T13:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kwier.at\/?p=84"},"modified":"2015-09-02T01:19:49","modified_gmt":"2015-09-01T23:19:49","slug":"im-sog-der-menschlichen-tiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forschung.kwier.at\/?p=84","title":{"rendered":"Im Sog der menschlichen Tiere"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/24601957\" width=\"700\" height=\"394\" frameborder=\"0\" title=\"They Call Us Animals - Original Music\" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h4>Rezension von <em>They Call Us Animals<\/em>, Regie: Catrin Hedstr\u00f6m, Schweden\/USA 2011<\/h4>\n<p>Das Unsichtbare sichtbar zu machen gilt als eine der grundlegendsten F\u00e4higkeiten des Mediums Film<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Dies gilt sowohl f\u00fcr das Vorzeigen von unbemerkten Details und Zuf\u00e4lligkeiten, als auch f\u00fcr Neuordnungen und Umformungen gewohnter Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>Der experimentelle Kurzfilm <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/24601957\" target=\"_blank\"><em>They Call Us Animals<\/em><\/a> der Regisseurin Catrin Hedstr\u00f6m spielt mit diesen beiden Aspekten des (Un-)Sichtbaren.<\/p>\n<p>Hedstr\u00f6m pr\u00e4sentiert uns nackte Menschen, genauer Details nackter K\u00f6rper: Haut, die sich \u00fcber Muskeln spannt; M\u00fcnder, die sich verziehen; Augen, die sich verdrehen. Ausschnitte, die in einer N\u00e4he und Perspektive aufgenommen wurden, die uns ungew\u00f6hnlich, ja fremd erscheint. Hedstr\u00f6m scheint uns menschliche K\u00f6rper in ihrer animalischen K\u00f6rperlichkeit zeigen zu wollen. Muskeln werden angespannt, Z\u00e4hne gefletscht, die Haare werden zu Fell, H\u00e4nde zu krallen, gegen Ende flie\u00dft sogar etwas Blut.<\/p>\n<p>Andererseits befinden sich die K\u00f6rper in einem steten Fluss, das Bild in steter Wandlung. Zu treibender Hintergrundmusik wird in schneller Schnittfolge eine Detailaufnahme an die n\u00e4chste, ein K\u00f6rper an den n\u00e4chsten, Auge an Nase an Mund an Arm an Hand an Schulter geschnitten. Die Kontinuierlichkeit eines Einzelk\u00f6rpers weicht der Kontinuierlichkeit des Massenk\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Die gezeigten K\u00f6rper sind m\u00e4nnlich, weiblich, schwarz, wei\u00df; kurzum bunt in scheinbar jedweder menschlichen Schattierung. Es scheint fast als w\u00fcrden die Grenzen zwischen diesen K\u00f6rpern verschwimmen, die Grenzen zwischen Hautfarben, zwischen Geschlechtern. Der Mensch also reduziert auf seine K\u00f6rperlichkeit. Hierin scheint der Film dann auch das basalste, egalit\u00e4rste Element des Menschen finden zu wollen: in seiner Tierhaftigkeit, vielleicht auch seiner Triebhaftigkeit. Der Film scheint geradezu zu schreien: Wir sind doch <em>alle <\/em>nur Tiere!<\/p>\n<p>Leider scheitert seine Forderung auf halber Strecke. So sehr die Regisseurin sich auch zu bem\u00fchen scheint diese aufzul\u00f6sen, reproduziert sie doch wieder viele gesellschaftliche Normen und Trennlinien. Warum sind es vorwiegend m\u00e4nnliche K\u00f6rper die ihre Muskeln spielen lassen und weibliche die ihre Rundungen pr\u00e4sentieren? Warum werden gerade die Frauen mit Milch \u00fcbersch\u00fcttet, lecken sie auf, werden von M\u00e4nnern gew\u00fcrgt? Warum nehmen gerade wieder schwarze K\u00f6rper besonders animalische sowie besonders unterw\u00fcrfige Posen ein? Warum sehen wir nur athletische K\u00f6rper, attraktive K\u00f6rper in all ihrer makellosen \u00c4sthetik? Wo sind die Fetten, die H\u00e4sslichen oder wenigstens die Untrainierten?<\/p>\n<p>In seinem Sog aus Bildern, unterst\u00fctzt von der treibenden Rhythmik der Musik, die in der ebenso treibenden Rhythmik des Schnitts ihren Widerpart findet, l\u00e4sst der Film diese Fragen gar nicht erst aufkommen. Seine kaleidoskopischen Bildfl\u00e4chen fangen uns ein und der Beat treibt uns weiter. Gefangen in diesem konstanten Fluss der medialen Reiz\u00fcberflutung, bietet sich f\u00fcr uns kein Ort der Reflexion. Die Unterbrechung, die Pause<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> ist nicht Teil dieser filmischen Formensprache, deren oberstes Gebot die \u00e4sthetische Einheit zu sein scheint.<\/p>\n<p>Zumindest in dieser Hinsicht ist der Film auch gelungen, wirkt er doch wie aus einem Guss. Doch diesem Guss h\u00e4tte der eine oder andere Bruch wohl nicht geschadet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> So sprach etwa Walter Benjamin in seinem <em>Kunstwerkaufsatz<\/em> vom \u201eOptisch-Unbewussten\u201c von dem wir erst durch die Kamera erfahren.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Unterbrechung und Pause haben schon Walter Benjamin und Alexander Kluge als zentrales Element der Reflexions- und Kritikf\u00e4higkeit, gerade im Film, herausgearbeitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Das Unsichtbare sichtbar zu machen gilt als eine der grundlegendsten F\u00e4higkeiten des Mediums Film. Dies gilt sowohl f\u00fcr das Vorzeigen von unbemerkten Details und Zuf\u00e4lligkeiten, als auch f\u00fcr Neuordnungen und Umformungen gewohnter Zusammenh\u00e4nge. 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